Konzept

Natürlich sind die Details unseres Konzepts Vereinsinterne Sachen, die jedoch regelmäßig bei Elternabenden an unsere Eltern z.T. weitergegeben werden. Allerdings finden Sie hier eine Kolumne unseres ehemaligen sportlichen Leiters Jonas Gabi, auf der das Konzept grundsätzlich aufbaut:

Liebe Trainer, Eltern und Verantwortliche,
immer wieder beobachte ich Trainer und Eltern an Spielfeldrändern lauthals schreiend. Dabei geht es um Anweisungen, um das Motivieren von Spielern oder einfach darum, dass man selbst dem Frust freien Lauf lässt und den ganzen Sportplatz wissen lässt, was der Trainer, der Schiedsrichter oder die Kinder hätten besser machen können.
Dieses Verhalten lässt sich in allen Jugenden beobachten und ist schon bei den Kleinsten Gang und Gäbe.

Da ich selbst als Trainer der Talentförderung mit 19 Jahren noch sehr jung bin und ich auch in meiner Jugend viele dieser Verhaltensweisen über mich habe ergehen lassen müssen, möchte ich allen Trainern und Eltern deren Kinder Fußball spielen, dieses Verhalten aus der Sicht der Kinder und deren Auswirkungen längerfristig gesehen an meinem Fußball-Leben schildern.

Wie jeder Junge bin ich irgendwann durch den Hype um die Bundesliga auf das Thema Fußball gekommen. Timo Hildebrand, der damalige Schlussmann vom VfB Stuttgart, war aufgrund seines schönen Trikots mein Vorbild. Als ich mich dann entschlossen habe, nicht nur im Garten zu kicken, sondern auch mal im Verein zu spielen, wollte ich selbstverständlich ins Tor. Da es jedoch üblich war, dass die etwas schlechteren und molligeren Kinder im Tor stehen, wurde mir dieser Wunsch nicht erfüllt. Ich sei als Innenverteidiger der heimischen F-Jugend eher geeignet, so die Aussage von meinem damaligen Trainer. Da ich zu dieser Position überhaupt keinen Bezug hatte, beendete ich schon nach wenigen Wochen wieder meine angehende Fußball- Karriere.
Als ich mich doch nicht ganz von dem Sport trennen konnte, wurde ich ein Jahr später wieder im heimischen Verein angemeldet. Nun mit einem anderen Trainer und dennoch nicht im Tor, war ich mit voller Begeisterung dabei. Nach sehr kurzer Zeit musste ich feststellen, dass ich einen sehr strengen Trainer hatte und das Lachen nach einer Niederlage auch 20 Minuten nach dem Spiel auf der Heimfahrt nicht erwünscht war und sogar mit lautem Gebrüll bestraft wurde. „Ohne Erfolg keine gute Laune“ wurde vermittelt.

Dass mich diese Zeit sehr prägte, wurde mir erst bewusst, als ich merkte, dass ich noch heute meinen damaligen Trainer meide und sein Erscheinen bei mir mit dem Gefühl der Angst zusammenhängt.

Da mein Wunsch Torwart zu sein, weiterhin nicht akzeptiert wurde, wechselte ich nach zwei Jahren den Verein und meldete mich beim neuen Verein als Torwart an. Die Jahre zuvor hatte ich nebenbei schon immer mit meinem Vater im Garten ein bisschen Torwarttraining gemacht, sodass im Training zunächst auch nicht auffiel, dass ich eigentlich noch nie im Tor gespielt hatte. Das Training klappte gut und nachdem ich ein halbes Jahr meine Sperre abgesessen hatte, durfte ich das erste Mal im Tor spielen. Ohne jegliche Spielerfahrung passierte natürlich gleich im ersten Spiel ein Fehler, der zu einem prägenden Unentschieden und einem folgenden „Anschiss“ führte, den ich noch heute wiederholen könnte.
Vor dem nächsten Spiel wurde ich extra angehalten, mich zu konzentrieren. Zwanghaft versuchte ich in sehr jungen Jahren meine Konzentration hoch zu halten und bloß keinen Fehler im Spiel zu machen. Da ich mich die komplette Spielzeit lediglich darauf konzentrierte, passierte wieder etwas und ich verschuldete die nächste Niederlage.
Natürlich wurde ich wieder seitens des Trainers angeschrien und die Angst vor dem nächsten Spiel wurde noch größer. Ich befand mich in einem Teufelskreis, sodass ich zu dieser Zeit das Saison-Ende herbeisehnte und nahezu nach jedem Spiel nicht schlafen konnte oder zumindest mit den Tränen zu kämpfen hatte.

Tatsächlich wurde der Teufelskreis auch erst mit dem Saison-Ende durchbrochen. Dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht wieder mit Fußball aufgehört habe, lag nur an meinen „11 Freunden“, die zu jedem Zeitpunkt, trotz meiner Fehler und meinen verschuldeten Niederlagen, hinter mir standen und mir nie irgendwelche Vorwürfe machten.

In der folgenden Zeit bekam ich mehr und mehr Vertrauen unter neuen Trainern geschenkt. Dieses Vertrauen ließ mich als Spieler bzw. Torhüter aufblühen, sodass ich immer besser wurde. Schließlich sogar so gut, dass ich den Sprung zur TSG Gießen-Wieseck und dem FSV-Frankfurt schaffte.

Gerne würde ich den Kindheitsbericht aus der der F- bis D-Jugend noch weiter ausführen, habe allerdings, wie die meisten Menschen, kaum noch Erinnerungen an diese jungen Jahre. Die zuvor geschilderten Dinge sind mir allerdings noch sehr präsent und somit ziemlich prägend gewesen.

Dass es anderen Kindern, gerade in jungen Jahren, besser geht und diese altersgerechter ausgebildet werden, ist mir ein sehr großes Anliegen geworden. Und da ich nun in einem Alter bin, in dem ich etwas mehr ändern kann als noch vor 5 Jahren (so zumindest die Illusion), beschäftige ich mich mittlerweile die komplette Woche über mit der Ausbildung von Kindern, sei es bei der Talentförderung Mittelhessen in drei Stützpunkten, als sportlicher Leiter der Usinger TSG oder als Trainer der TSG Gießen-Wieseck.

Da ich mich als Trainer noch sehr nahe an den Kindern befinde, habe ich eine etwas andere Sichtweise auf den Fußball.

Kinder, gerade in der G, F und E-Jugend, haben nicht vorrangig ein Interesse daran zu gewinnen. Natürlich werden viele jetzt das Gegenteil behaupten.
Wie man am oben genannten Beispiel aus meinem „Fußball-Leben“ sieht, sieht die Realität der Kinder anders aus. Auch wenn ich am Anfang an so gut wie jeder Niederlage schuld war, wurde mir dies nie von seitens der Spieler vorgeworfen. Trotzdem war ich sowohl im Training, als auch im Spiel gern gesehen.

Wenn wir uns eine Kinder-Mannschaft genau anschauen, so wird es für diese natürlich im Moment der Niederlage kein gutes Gefühl sein. Dies kommt vor allem daher, dass Eltern am Spielfeldrand angefeuert haben, Druck ausüben haben und nach einer Niederlage gegenüber der Kinder enttäuscht wirken. Sind die Kinder nach dem Spiel nur unter sich, werden diese schon nach wenigen Minuten wieder lachen können und mit einem guten Gefühl nach Hause fahren.
Dieses Verhalten sollte man unterstützen. In diesen Altersklassen kommt es nicht annähernd auf den Erfolg an. Spielwitz, Spielfreude und Spielkreativität sollen im Vordergrund stehen. Jeder Spieler selbst hat das Recht, daran zu arbeiten und sich selbst zu verbessern. So sollte ein Spieler sich selbst ausprobieren dürfen. Wie viele Spieler kann ich ausdribbeln? Ab wo kann ich schießen? Ab wann sollte ich vielleicht abspielen um meine Freunde auch am Spiel teilnehmen zu lassen?
Diese Erfahrungen und Fähigkeiten, die man nur lernt, wenn man sie selbst ausprobieren darf und nicht, wenn man Sie von außen vorgeschrieben bekommt, sind die wichtigsten Grundlagen für das spätere „Fußball-Leben“. Oftmals stehen Eltern und Trainer am Spielfeldrand und verhalten sich ein wenig so, als würden sie vor der PlayStation sitzen und die komplette Mannschaft fernsteuern wollen. Wenn ein Spieler in allen Jugenden ständig von außen gesagt bekommt, wann er wohin spielen soll, dann aber in der B-Jugend nichts mehr hört, wird er auf dem Spielfeld verloren sein.

Genauso schlimm ist es bei Kindern, wenn sowohl Trainer als auch die Eltern Einfluss auf das Spiel nehmen wollen. Das Kind, mitten auf dem Spielfeld mit Ball und vor einer Wand aus Gegenspielern, die auf es zu gelaufen kommen, ist in diesem Moment unter Stress. Rufen dann noch Trainer, sowie Eltern irgendwelche Anweisungen in Spiel, wird der Spieler komplett überfordert. Oftmals hört man auch komplett unterschiedliche Anweisungen. Der Trainer hätte gerne einen Pass nach rechts, eine Mutter sieht den besseren Pass eher auf die linke Seite und ein weiterer Vater fordert den Schuss.
Selbst einen Erwachsenen würde diese Situation nicht meistern.
Um nun eine altersgerechte Ausbildung gewähren zu können, müssen Trainer und Eltern akzeptieren, dass nicht der Erfolg der Mannschaft im Vordergrund steht, sondern vielmehr die Ausbildung der Spieler und damit verbunden das Sammeln eigener Erfahrungen. Dass ein Spieler mal versucht, alleine durch die komplette gegnerisch Mannschaft zu dribbeln, sollte dann einfach akzeptiert werden und nicht mit lauten Rufen unterbunden.
Bei der Überlegung, was das eigentliche Ziel der unteren Jugenden ist, kommt man auf folgende Möglichkeiten:
1) Wir haben Erfolg mit der Mannschaft, spielen unsere Bälle ab, haben eine gute Raumaufteilung und werden F- Jugend Kreismeister.
2) Wir bilden starke Individuen aus, die so ziemlich alles mit dem Ball können, Fußballtechniken erlernt haben und schon jede Menge an eigenen Erfahrungen sammeln konnten.

Überlegt man sich nun, welcher Spieler später einmal eher höherklassig spielen wird, kommt man logischer Weise auf die zweite Variante. Genauso kann man sich selbst einmal fragen, zu welcher der beiden Varianten der große Fußballstar Messi oder Ronaldo gehört haben?

Schieben wir also als Folge den Erfolg mal in den Hintergrund, machen als Eltern und Trainer weniger Druck (sowohl zuhause, als auch während des Spiels auf dem Sportplatz- rufen also nicht mehr in Spielen rein, sprechen nicht zuhause über alle Fehler, die im Spiel von der Mannschaft gemacht wurden und lästern über die egoistischen Spieler), tragen wir zu einer angenehmeren Entwicklung der Kinder bei.
Kein Kind will zuhause noch alle Fehler nachgesagt bekommen oder über die eines Mannschaftskollegen sprechen.
Auch wenn wir es nicht beabsichtigen, wird durch dieses Verhalten unbewusst Druck aufgebaut.
Wer Fehler macht, über den wird nicht gut gesprochen.

In Analogie ein Beispiel aus der „Erwachsenen-Welt“:
Stellen Sie sich einmal vor, Sie kommen von der Arbeit nach Hause. Nachdem Sie Ihr Chef schon im Job schon auf Ihre Fehler hingewiesen hat, wartet nun zuhause Ihr Partner und thematisiert alle diese Fehler noch einmal und dazu noch die der Kollegen und Freunde.

Schön wäre dies in keinem Fall.

Das Problem im Fußball ist natürlich dadurch gegeben, dass wir regelmäßig Bundesliga schauen und meinen, wir wissen selbst, wie es besser oder sogar am besten geht und wollen dies den Kindern auch mitteilen. Dass das keinen der Kleinen in Wahrheit interessiert, wird überspielt oder einfach nicht beachtet.
Wir stellen uns und unser Wissen in den Vordergrund.

Dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, steht außer Frage. Aber wieweit und wie lange können wir diese Welt voll Stress und Druck von den Kindern fernhalten? Wie können wir das „Kind-Sein“ der Kleinsten wahren? Dass dies irgendwann nicht mehr der Fall sein wird, ist jedem klar. Allerdings sprechen wir hier von 2-13-Jährigen.
Diese Aufgabe ist eine der schwersten Aufgaben überhaupt, da Kinder sehr sehr sensibel sind und schon auf kleinsten Stress reagieren. So fängt zum Beispiel ein Neugeborenes sofort an zu weinen, sobald es merkt, dass irgendwas mit den Eltern nicht stimmt oder diese im Stress sind.

Somit sind nicht die Jugendtrainer der D-A- Jugend die eigentlichen schweren Jobs, sondern vielmehr die von den Kleinsten. Deren Aufgabe sollte es sein, die komplette Leistungsgesellschaft während des Trainings/ Spiels auszublenden und die meist 90 Minuten Training auf das Kinderniveau „zu sinken“ und dementsprechend stress- und sorgenfrei zu trainieren oder zu spielen.

Ich möchte mit dieser Kolumne aufmerksam auf das eigene Verhalten machen und im Umgang mit Kindern auch auf dem Sportplatz sensibilisieren.
Es geht hier um Kinder und nicht um Maschinen, die irgendwelche Taktiken ausführen sollen oder sich genauso verhalten sollen, wie die großen Bundesligisten.

Auf vielen Sportplätzen geht es oftmals um den Erfolg der Trainer und den Stolz der Eltern. Der Wille der Kinder rückt in den Hintergrund.
Ein extremes negativ Beispiel war ein E-Jugend Spiel in der Umgebung, welches von Trainern und Eltern so hochgeputscht wurde, dass selbst die Verletzung eines kleinen Jungen in den Hintergrund rücken musste, da die Mannschaft nicht mehr allzu viel Zeit hatte den Ausgleich zu erzielen.

Ab diesem Zeitpunkt hört für mich die Freude am Fußball auf und es stehen nicht mehr die Kinder im Mittelpunkt.

Daher meine Anliegen:

Stellt euch selbst ein bisschen mehr in den Hintergrund und lasst die Kinder Kinder sein!
Ihr Kontakt zur Usinger TSG

Empfänger wählen...



X