Was macht eigentlich Jorge Do Carmo?

von | 31. März 2018 | Fussball

Von Wolfgang Stalter

USINGEN – Für wenige Stunden kehrte er nach vielen Jahren an den Ort seiner früheren Wirkungsstätte in Usingen zurück: Jorge Do Carmo und stand in den 70er-Jahren für drei Spielzeiten im Fußball-Tor der Usinger TSG. Er war einer der besten, wenn nicht sogar der beste Keeper, der in der jüngeren Usinger Vereinsgeschichte im Kasten des Verbandsligisten Tore verhinderte.

Dort erinnert man sich auch heute noch gerne an den sympathischen Portugiesen, der im Verein zweifelsfrei Duftmarken hinterlassen hat. Do Carmo sagt rückblickend: „In Usingen hatte ich in der Verbandsliga mit Trainer Borislav Runjaic drei tolle Jahre. Viele Erinnerungen sind bis heute geblieben und Freundschaften aus dieser Zeit bestehen zu damaligen Mitspielern immer noch, obwohl diese nicht in Usingen wohnen.“

„Don“, wie er liebevoll von seinen damaligen Mannschaftskameraden genannt wurde, war ein körperlich robuster Schlussmann, stark auf der Linie, aber auch geschickt und sehr einfallsreich im Herauslaufen. Das Mitspielen, so wie es heute von einem modernen Torhüter erwartet wird, praktizierte er schon damals. Do Carmo erinnert sich: „Nicht selten trieb es mich bis an den Anstoßkreis nach vorne, was manchmal auch die Nerven der Trainer oder meiner Mitspieler strapazierte.“

Er konnte aber auch sehr impulsiv sein, was „Don“ auf seine portugiesischen Wurzeln zurückführt, denn bis zu seinem 16. Lebensjahr lebte er mit seinen Eltern in Lissabon. Dort fing er als „kleiner Steppke“ auch an zu kicken – natürlich im Internat bei Benfica, dem größten portugiesischen Verein, der damals mit Superstar Eusebio zwei Mal den Europapokal der Landesmeister in die Stadt am Tejo holte. Ein anderer Fußballstar aus dieser Zeit wohnte bei den Do Carmos gleich um die Ecke. Es war der berühmte Rechtsaußen Jose Augusto. Aber auch Eusebios Bruder stammte aus dem Lissaboner Viertel „Ju-Ju“, der zu dieser Zeit nicht nur als guter Fußballer, sondern auch als talentierter Gitarrenspieler begeisterte.

1967 übersiedelte Jorge Do Carmo mit seinen Eltern, die hier als Gastarbeiter tätig waren, nach Deutschland. Beim FSV Frankfurt kam er in der Jugend noch als Feldspieler zum Einsatz. Mannschaftskameraden unterstützten ihn beim Erlernen der deutschen Sprache. Karl Seeger, damals Vorstandsmitglied beim FSV, auch im Hintertaunus als langjähriger „Macher“ bei der SG Ober-Erlenbach bestens bekannt, machte dem „Don“ die Eingewöhnung sehr leicht. Ihm sollte er später bei der SGO wieder begegnen. Als in der A-Jugend des FSV Frankfurt ein Torhüter fehlte, übernahm Jorge – eigentlich nur als vorübergehende Notlösung gedacht – diese Position. Neben Seeger hatte er mit Karl Loweg, früherem Torwart bei FC Schalke 04/ Werder Bremen und deutschem Amateurmeister 1973 mit der Spvgg 05 Bad Homburg, noch einen weiteren Förderer, dem er ebenfalls viel zu verdanken hatte. Der Portugiese erinnert sich: „Im strömenden Regen, bei dem man wohl keinen Hund vor die Tür gejagt hätte, schickte mich der Kall zum Training auf den Platz. Oft habe ich innerlich geflucht. Heute weiß ich aber, dass mich das doch sehr geprägt hat.“ Vom FSV Frankfurt wechselte der „Don“ zum damaligen Hessenligisten Rot-Weiß Walldorf. Hier war Egon Loy – ehemaliger Torhüter der Meistermannschaft Eintracht Frankfurt von 1959 – der Trainer der Walldorfer. „Ein toller Mensch, der für meine Weiterentwicklung enorm wichtig war.“ Die nächste Station, bevor Do Carmo zur Usinger TSG wechselte, war der ehrwürdige Hessenligist FC Hochstadt, der in der obersten Amateurklasse des Landes zu damaliger Zeit eine gute Adresse war.

Immer wieder gab es für Do Carmo auch Anfragen aus dem bezahlten Fußball, zum Beispiel von Waldhof Mannheim oder dem FC Bayern Hof aus der zweiten Bundesliga. Doch der „Don“ entschied sich mehr für die berufliche Schiene und spezialisierte sich auf den Vertrieb von IT-Anlagen. Auch als Trainer machte er sich einen Namen, Teutonia Köppern führte er von der A-Klasse (jetzt Kreisoberliga) in die Bezirksklasse (jetzt Gruppenliga) und nach einem kurzen Intermezzo beim VfB Södel, Ortsteil von Wölfersheim, erreichte ihn ein Hilferuf seines ehemaligen Förderers Karl Seeger, inzwischen der 1. Vorsitzende der SG Ober-Erlenbach. Mit der SGO schaffte er ein kleines Wunder,. Bei seiner Übernahme waren die Erlenbacher Tabellenletzter, konnten aber unter seiner Regie noch über die Relegation die Klasse halten. In gewisser Weise war dies auch ein „Dankeschön“ an seinen Förderer, den er nie vergessen hat.

Bei seinem Kurzbesuch in Usingen hat er auch den Kunstrasenplatz auf der Sportanlage „Auf den Muckenäckern“ besichtigt. Do Carmo: „Welch eine tolle Sportanlage. Das sind jetzt großartige Trainingsbedingungen für die gesamte Fußballabteilung. Wenn ich da an früher an den alten Hartplatz denke, da ist das wirklich kein Vergleich mehr.“ Aber auch bei seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Helmut Klotz, der seit einigen Jahren an einer nicht heilbaren Erkrankung des motorischen Nervensystems leidet und deshalb in seiner Mobilität stark eingeschränkt ist, hat der „Don“ anlässlich seines Besuchs in Usingen vorbeigeschaut. „Es war ein sehr emotionaler und für uns beide sehr bewegender Moment, denn ich hatte ihn natürlich ganz anders in Erinnerung. Von seiner Erkrankung habe ich erst vor zwei Jahren zufällig erfahren. Das hat mich doch sehr nachdenklich gestimmt.“

Ja, und was macht der „Don“ denn heute? Der 65-Jährige befindet sich im Ruhestand. Seit 35 Jahren ist er verheiratet und wohnt in Altenstadt im Wetteraukreis. Stundenweise arbeitet er noch in seiner eigenen Personalberatungs-Firma, was er einfach immer noch nicht lassen kann. Der Fußball ist für ihn kein Lebensmittelpunkt mehr. Gelegentlich besucht er als Bayern-Fan Spiele von Eintracht Frankfurt, wenn ihm die befreundete Eintracht-Ikone Dieter Lindner, Mitglied der Meistermannschaft von 1959, seine Karte überlässt. Das Golfspiel hat Do Carmo auch für sich entdeckt. Mit seinem Handicap 12 liebt er besonders die schönen Plätze in Portugal – von wo er einst nach Deutschland kam.

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